Mittwoch, 7. Oktober 2009

Wie furchtbar kann eine Deutsch-Klausur sein?

Aufgabe 1: Stellen Sie dar, welche Phänomene der Bildung in Zenkerts Kommentar enthalten sind!

Aufgabe 2: Verfassen Sie eine Stellungnahme! Beziehen Sie sich auf 3 Aspekte des Textes.
(Nicht mehr und nicht weniger als 3! - das hat schon mal böse geendet deswegen musste es fett gedruckt werden :D:D:D)

Nun folgt der grandiose Text, HAVE FUN:

Bildung und Barbarei

Von Georg Zenkert

Wir sind Barbaren. So nennt zumindest Schiller diejenigen, die ihre individuellen Möglichkeiten zurückstellen, um sich den Forderungen der nüchternen Zweckrationalität zu beugen. Trotz aller Beschwörung der Freiheit hat sich in der modernen Welt – heute noch mehr als zu Schillers Zeiten – ein System wechselseitiger Abhängigkeit etabliert, dessen Credo der Sachzwang ist. Im Sinne Schillers ist dies das genaue Gegenteil einer recht verstandenen Bildung, die dem Individuum zu einem freien Selbst- und Weltverhältnis verhelfen soll. So betrachtet leben wir in einer Zivilisation ohne Bildung

Dieses schroffe Urteil scheint unsere Bemühungen um Bildung vollständig zu ignorieren. Wie lässt sich dieses Missverhältnis erklären? Gerade in jüngster Zeit ist viel von Bildung die Rede und die mediale Aufmerksamkeit – nicht zuletzt im Schillerjahr – lässt nichts zu wünschen übrig. Dies wäre erfreulich, müsste man nicht feststellen, dass im Lamentieren über den Zustand unserer Bildungsanstalten, den monotonen Aufrufen zur Steigerung des Bildungseifers und den sich überschlagenden Bildungsreformen der Begriff seinen Sinn fast eingebüßt hat.

Nun nutzen sich Begriffe auch im inflationären Gebrauch nicht einfach ab, sie werden transformiert, überdeckt oder missbraucht. So hat sich der Mainstream der Pädagogik im Sog sozialpolitischer Reformen vom Bildungsbegriff längst verabschiedet und spricht lieber von „Erziehung“, während die politisch initiierten Reformmaßnahmen primär an ökonomischen Kriterien orientiert sind und Bildung instrumentalisieren als Standortfaktor, an dem entsprechend ausgebildetes „Humankapital“ eingesetzt wird. Die Avantgarde der Bildungsexperten fordert Bildungsanstrengungen, um die nachwachsende Generation zukunftsfähig zu machen, als wäre nicht die Hybris, schon heute über die künftigen Herausforderungen Bescheid wissen zu wollen, das Gegenteil aller Bildung; es gehört nämlich zum Kern des Bildungsgedankens, dass Bildung nicht planmäßig hergestellt, nicht verordnet werden kann.

Natürlich steht es jeder Generation frei, Begriffe nach eigenem Gutdünken zu gebrauchen. Wenn die Sprache jedoch nicht ideologisch werden soll, und diese Gefahr besteht im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Bildungsdiskursen durchaus, dann ist es notwendig, sich der ursprünglichen Bedeutung der Begriffe zu vergewissern, die man in Anspruch nimmt. Die Quelle des Bildungsgedankens ist die deutsche Mystik, in der die Selbstbesinnung der christlichen Seele mit den Begriffen der Form und der Formgebung, des Vorbildes und der Nachahmung ausgelotet wird. Die deutsche Sprache hat damit einen in andere Sprachen kaum übersetzbaren Begriff von besonderer Bedeutungstiefe gewonnen, der seit dem 18. Jahrhundert eine beeindruckende Wirkung entfaltet.

Während der Begriff in der Aufklärung eher zum Modewort verkommt und – wie heute – in meist gedankenloser Weise mit Erziehung assoziiert wird, hat die Philosophie des deutschen Idealismus dem Bildungsbegriff seine eigentliche Prägung verliehen. Jeder denkt dabei an Wilhelm von Humboldts Schulreform und die von ihm angeregte Universitätsgründung, doch es war nicht die Tat eines isolierten Einzelnen, sondern der Geist einer Epoche, der im Bildungskonzept zum Ausdruck kam. Schon bei Herder und Fichte war der Begriff ins Zentrum eines Zusammenhangs gerückt, der als umfassende kulturelle Entwicklung des Individuums verstanden wurde; Humboldts Austausch mit Schiller verdankt der Begriff dann seine emphatische Bedeutung, seine prägnante Bestimmung als anthropologisches Grundprinzip: Bildung sei wahres Menschsein, die Entfaltung von Humanität. Eine so verstandene Bildung realisiert sich immer als Bildung eines Individuums. Sie ist weder das Ergebnis äußerer Einflüsse noch eine festgelegte Entwicklung, sondern die im eigenen Bemühen erfolgende Selbstformung des Individuums im Rahmen seiner Kräfte und Möglichkeiten.

Hegel griff den Gedanken auf und rückte ihn ins Zentrum seiner Phänomenologie des Geistes, in der die unterschiedlichen Bildungsstufen des Bewusstseins betrachtet und systematisch entwickelt werden. Gegen die Humboldtsche Auffassung eines auf die individuelle Perspektive beschränkten Entwicklungsganges betont Hegel die Notwendigkeit der Selbstentfremdung des Individuums mit dem Argument, dass erst das Sichüberschreiten, die Auseinandersetzung mit der äußeren Wirklichkeit und die Erschütterung der ruhigen Selbstgewissheit, in die jeder leicht zurückfällt, jenen Prozess in Gang setzt, der Bildung genannt zu werden verdient. Die Entwicklung des Individuums führt dieses über sich selbst hinaus zu den Manifestationen des kulturellen Lebens. Gegen die Verabsolutierung des Einzelnen, zu der Humboldt neigt, verweist Hegel auf die Kraft der gemeinsamen geistigen Welt, auf deren Boden das Individuum sich entfaltet. Hegel ist auch der erste, der die problematische Seite des Bildungsprinzips vor Augen führt - die dort zum Vorschein kommt, wo Bildung zum Selbstzweck erhoben und die Distanz zu sich selbst und der Welt in selbstgefälligen Gesten zelebriert wird. Die uns geläufige Kritik des Bildungsbürgertums ist dagegen vergleichsweise harmlos.

Dieser Begriff der Bildung prägt die in ihrer kulturellen Bedeutung herausragenden Epoche der deutschen Klassik und gilt noch lange als feste Bezugsgröße, bis er im 20. Jahrhundert seine prägende Kraft verliert. Wenn Karl Jaspers Anfang der dreißiger Jahre feststellt, dass mit der nivellierenden Massenordnung die Bildungsschicht verschwinde, so ist diese resignative Auslieferung des Begriffs an die Soziologie weniger eine Diagnose als das Problem selbst. Der nationalkonservative Soziologe Hans Freyer nämlich verkündet zur gleichen Zeit mit Verve, dass der Bildungsbegriff einem Menschenbild zu weichen habe, das von den realen Lebensbezügen der Gegenwart ausgehen muss. Während der klassische Bildungsbegriff darauf gründe, dass eine Epoche in Sinnbezügen ihren Ausdruck findet, die dem Einzelnen Orientierung geben, sei die Gegenwart eine Zeit des Umbruchs, die sich dieser Erwartung entzöge. In solchen Zeiten sei nicht Bildung gefragt, sie müssten vielmehr, so Freyer, „durchgekämpft werden“. Diese Verpflichtung gegenüber der Gegenwart und einer unwägbaren Zukunft klingt für uns nur deshalb befremdlich, weil sie in einem fragwürdigen Vokabular daherkommt. In der Sache bestimmt die von Freyer angemahnte zeitgemäße Bildung die Diskussion sowohl der Nachkriegsära als auch der Reformbewegungen der siebziger Jahre und ist heute längst selbstverständlich geworden.

Die Ideen des Klassischen oder des Kanons wurden so im Rückblick herabgesetzt zu Residuen einer unwiederbringlichen kollektiven Identität. Das kam ihrer Verabschiedung gleich. Obwohl beide Begriffe für nichts anderes als für das Vorbildliche, für Qualität stehen, wurde dieses Bild nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus nicht etwa revidiert, sondern bekräftigt. Während die Überzeugung von der Objektivität bestimmter Wissensinhalte weitgehend verschwunden ist, hat sich das Individuum vom Bildungsanspruch vergangener Zeiten befreit und ist ganz um sich selbst zentriert.

Aus dieser Entwicklung resultiert ein Hedonismus, dem jede Lebensform als akzeptabel erscheint, sofern sie nur den individuellen Wünschen entspricht. Wo alles gültig ist, herrscht Gleichgültigkeit. Diese gilt geradezu als Errungenschaft der Moderne, wenn sich Gleichheit und Toleranz mit ihr verbindet. Das Ideal ist jedoch fragwürdig nicht nur deshalb, weil Gleichgültigkeit häufig in Beliebigkeit mündet, sondern vor allem angesichts der offensichtlich paradoxen Koinzidenz von Authentizitätserwartung und Vermassung die das Bild der heutigen Gesellschaften prägt. Beide Ansichten, die Suche nach der individuellen Lebensform und die alle Lebensbereiche durchdringende Massengesellschaft, sind nur zwei Seiten derselben Medaille und stehen in notwendiger Verbindung. Der Sog der Massenkultur speist sich aus der Suggestion, dass alle gesellschaftlichen Kräfte der individuellen Entfaltung dienen. Das Spiel der Mode und die Strategien der Werbung, um nur die prägnantesten Phänomene zu nennen, inszenieren täglich neu diese Täuschung, die wir sehenden Auges hinnehmen, weil sie uns in ästhetischen Formen dargeboten wird.

Gleichzeitig mit dieser hedonistischen Ethik hat sich das Koordinatensystem der Leistungsgesellschaft entwickelt, das den Rahmen für die subjektive Wahlfreiheit bildet. Die Idee der Leistung hat den Bildungsgedanken verdrängt. Leistung steht für objektive Anforderungen, für den Einsatz aller Kräfte, scheint also auf den ersten Blick nicht unverträglich mit Bildung zu sein. Tatsächlich aber bedeutet „leisten“ – wörtlich: „einer Spur folgen“ – nichts anderes als vorliegende Erwartungen zu erfüllen. Für Bildung bleibt dabei wenig Raum.

Mit dieser Entwicklung zeichnet sich auf hohem zivilisatorischen Niveau eine zunehmende Banalisierung der Lebensverhältnisse ab. ab. Neu ist nicht, dass die Massen (zu denen sich natürlich niemand selbst zählt) nicht an der Bildung partizipieren, sondern dass klassische Bildung nicht mehr als erstrebenswert gilt. Sogar die Entwicklung der Geisteswissenschaften hat die Diskreditierung der Bildungsidee befördert: So unterschiedliche Theorieansätze wie der Existentialismus, der Marxismus und der Strukturalismus haben in seltener Allianz das Menschenbild der humanistischen Bildungstradition destruiert.

Dies alles ist weniger zu beklagen als zu begreifen. Wo das falsche Bildungsideal einer statischen Identität, eines unangreifbaren Wissensbestandes und eines einheitlichen Weltbildes unterstellt wurde, muss der Abschied von der Bildungsidee als Befreiung gelten. Damit wird jedoch der Bildungsbegriff verkannt. Bildung ist kein Besitz, sondern ein Prozess, der beständige Versuch, sich selbst zu formen. Als endliche Wesen folgen wir dabei unvollkommenen Entwürfen unserer selbst. Der späte Humboldt hat – weitgehend unbemerkt – in seinen sprachtheoretischen Überlegungen die Existenzweise dieser fragmentarischen Individualität ganz unpathetisch nachgezeichnet und die nicht zu überwindende Unbestimmtheit des Selbst wie des Anderen als konstitutive Momente der Individualität hervorgehoben. Es scheint, als ob sich der moderne Mensch vor dieser Unbestimmtheit und der damit verbundenen Unberechenbarkeit in die globale Verwaltung der Leistungsgesellschaft flüchtet, die von der Anstrengung der Bildung entlastet, um dann risikolos der Spontaneität Raum zu geben, die gerne mit Individualität verwechselt wird.

Die Institutionen, die es sich zur Aufgabe machen, Bildung zu organisieren, sind dem unbestimmten Individuellen gegenüber notorisch misstrauisch. Gewiss ist Kontrolle unverzichtbar, aber eine Bedingung für wirkliche Bildung wäre die institutionell gewährte Freiheit, eine Sache mit Muße zu verfolgen - ein Luxus, der im Zeitalter von Leistungsanforderungen und Evaluierungswut immer seltener wird. Das dazu nötige Vertrauen in die Bildungsmöglichkeiten setzt der Berechenbarkeit freilich Grenzen. Nur Mittelmäßigkeit lässt sich planen. Wenn das sogenannte „Humankapital“ sich optimal entwickeln soll, um sein Bestes auch für die Gesellschaft zu geben, dann darf es gerade nicht dem Nutzenkalkül geopfert werden. Dieses Kriterium trennt die Welt der Bildung von der Barbarei.


Veröffentlicht unter dem Titel: Bildung kann nicht verordnet werden. Barbarei auf hohem zivilisatorischen Niveau: Sachzwang und Nutzenkalkül sind Feinde des Versuches, sich selber zu formen. In: Frankfurter Rundschau Nr. 255 vom 27.9.2005, Forum Humanwissenschaften.


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